Ein Jahr Guatemala – unser Rückblick
Ein Jahr am anderen Ende der Welt zu verbringen, ist im Verhältnis zu einem gesamten Leben betrachtet ein kurzer Zeitraum. Trotzdem wissen wir schon jetzt, dass uns die Erfahrungen der letzten zwölf Monate unser ganzes Leben lang begleiten werden.
In einem Jahr schafft man es nicht nur, einen kleinen Einblick in eine völlig andere Kultur zu bekommen. Man kann für eine gewisse Zeit ganz in sie eintauchen und sich vielleicht sogar ein Stück weit als Teil eines Lebensstils fühlen, der einem vorher völlig unbekannt war. Genau das durften wir in diesem Jahr erleben.
Unsere Einsatzstelle liegt in Paxcamán, einem kleinen Ort im Norden Guatemalas. Dort befindet sich ein Internat, in dem Mädchen im Alter von etwa 13 bis 18 Jahren leben. Die Mädchen kommen aus teilweise sehr armen Verhältnissen und haben dort die Möglichkeit, zur Schule zu gehen und eine Ausbildung bzw. bessere Zukunftsperspektiven zu bekommen. Gemeinsam mit den Schwestern, die das Internat betreuen, haben wir direkt vor Ort gewohnt und gearbeitet. Dadurch ist die Einsatzstelle nicht nur unser Arbeitsplatz, sondern für ein Jahr auch unser Zuhause gewesen.
Als wir vor einem Jahr in Guatemala angekommen sind, ist uns direkt aufgefallen, wie vielfältig und lebendig das Land ist. Bunte Straßenmärkte, traditionelle Kleidung, Tuktuks, unterschiedliche Sprachen und Klimazonen. Gleichzeitig bekommt man schnell einen Einblick in die großen Unterschiede, die es auch innerhalb des Landes gibt. Gerade durch unsere Arbeit und die Hausbesuche bei den Familien der Mädchen haben wir Lebensrealitäten kennengelernt, die für uns vorher kaum vorstellbar waren.
Anfangs haben einen dreiwöchigen Sprachkurs gemacht und versucht, uns immer besser in den Alltag einzufinden. Mit der Zeit sind wir in der Sprache sicherer geworden und haben gemerkt, wie viel leichter es wird, Gesprächen zu folgen und selbstständig mit Menschen in Kontakt zu kommen.
Da die Mädchen von Oktober bis Januar Ferien hatten, haben wir in dieser Zeit noch keinen Unterricht gegeben. Stattdessen haben wir die Möglichkeit genutzt, die anderen Häuser der Gemeinschaft kennenzulernen. Wir haben verschiedene Regionen Guatemalas besucht, bei Gemeindeaktivitäten geholfen und die Schwestern bei unterschiedlichen Aufgaben unterstützt. Dadurch haben wir schon in den ersten Monaten viele verschiedene Seiten des Landes und der Gemeinschaft St. Bonifatius kennengelernt.
Ab Januar hat dann unsere eigentliche Arbeit im Internat begonnen. Mit dem neuen Schuljahr sind auch neue Mädchen angekommen und unser Arbeitsalltag startete. Vormittags haben wir unter anderem Englisch sowie Lesen und Schreiben unterrichtet und die Mädchen beim selbstständigen Lernen unterstützt. Nachmittags konnten wir eigene Projekte in Computertechnik und Handwerkskunst umsetzen.
Gerade diese Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen, hat unsere Arbeit abwechslungsreich gemacht. Wir haben mit den Mädchen unter anderem Körbe geflochten, gebastelt und passend zur Fußball-WM Flaggen gestaltet. Dabei ging es
nicht nur um die Beschäftigung selbst, sondern auch darum, gemeinsam etwas Neues zu lernen und den Mädchen neue Themen und Perspektiven näherzubringen.
Mit der Zeit hat sich auch unser Verhältnis zu ihnen immer mehr verändert. Am Anfang ist es noch schwierig gewesen, richtig mit ihnen in Kontakt zu kommen. Die Sprachbarriere hat dabei eine große Rolle gespielt. Durch den regelmäßigen Unterricht und die gemeinsame Zeit im Internat sind die Beziehungen aber immer enger geworden. Die Mädchen haben uns mehr von ihrem Leben erzählt und sich uns gegenüber immer weiter geöffnet und umgekehrt.
Neben der Arbeit haben wir auch viele verschiedene Teile Guatemalas kennenlernen können. Wir sind zum Lago Atitlán, an die Pazifikküste und nach Antigua gereist, haben den großen Markt in Chichicastenango besucht und den Vulkan Acatenango bestiegen. Gerade dadurch wurde uns noch bewusster, wie unterschiedlich die Regionen innerhalb Guatemalas sind.
Die letzten Monate unseres Freiwilligendienstes sind mit Abstand die schönste Zeit gewesen. Je näher der Abschied gekommen ist, desto klarer ist uns geworden, wie sehr uns die Menschen und unser Leben in Guatemala ans Herz gewachsen sind.
Am Ende fiel die Abreise deshalb viel schwerer, als wir es uns am Anfang hätten vorstellen können. Die Mädchen haben einen Abschlussabend für uns vorbereitet, getanzt, uns Briefe und kleine Geschenke übergeben und sich unglaublich viel Mühe gegeben.
Heute sind wir vor allem dankbar für die vielen Erfahrungen und Begegnungen, die wir in der Vor- und Nachbereitungszeit und währenddessen durch die Ausreiseorganisation Mundus machen konnten. Wir durften ein neues Land und eine neue Sprache kennenlernen. Gleichzeitig haben wir viel Verantwortung übernommen und mussten häufig über unseren eigenen Schatten springen.
Insgesamt war die Zeit von einem Geben und Nehmen an Fähigkeiten und Lebenseinstellungen geprägt, die noch lange in uns nachwirken werden.
Unserer besonderer Dank gilt natürlich unserer Entsendeorganisation Mundus, die uns all das ermöglicht hat.
Guatemala wird für uns immer ein Land mit wahnsinnig herzlichen und großzügigen Menschen, unfassbarer Natur, vielen Kontrasten und vor allem schönen Erinnerungen sein.
